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Fischfarmen

KANNIBALEN IM KÄFIG

Wann ejakuliert ein Plattfisch? Warum laichen Aale nur in der Sargassosee und nicht im Reagenzglas? Mit wissenschaftlichem Know-how züchten Aquabauern in aller Welt Stör und Steinbutt, Shrimps, Meeresschnecken und eßbare Algen. Die Aquakultur entwickelt sich zu einem maritim-industriellen Komplex.

Rund 30 000 Fischarten wimmeln im Wasser, eine jegliche auf ihre Art. Der indonesische "walking catfish" kann mit seinen Flossen über Land watscheln. Der blinde Bathypterois longipes lebt in lichtlosen Abgründen von 5600 Metern Tiefe. Tilapien-Barsche tragen ihre Brut im Maul herum.

Die bizarre Aquafauna, verteilt auf Seen, Flüsse und 360 Millionen Quadratkilometer Ozean, gleicht einem Zaubergarten der Evolution. Doch inzwischen ist die Artenvielfalt angeschlagen. Leere Netze, verwaiste Fischgründe - seit Jahren stagnieren die Wildfänge bei jährlich etwa 80 Millionen Tonnen.

Nun füllt der Mensch das von Erschöpfung bedrohte Nahrungsreservoir eigenhändig auf. In großem Stil machen sich Meeresbiologen und Züchter daran, den Fisch zu einem profitablen Nutztier umzutrimmen.

16,6 Millionen Tonnen Meeresfrüchte wurden 1991 aus Aquafarmen und Wasserkäfigen gehievt. Bis zum Jahr 2025 werden die Erträge nach Schätzung der Uno-Ernährungsorganisation FAO bei 62,4 Millionen Tonnen liegen.

Gerrit Quantz, 43, stieg vor fünf Jahren in die prosperierende Unterwasserwirtschaft ein. In Strande bei Kiel betreibt der gelernte Meeresbiologe eine Aufzuchtstation für Steinbutt.

Stolz zeigt Quantz seinen Brutstock - etwa 70 Plattfische, die wie Ufos durch die Stahlbecken schweben. Einzeln zieht er die klodeckelgroßen Tiere aus den Becken, um ihnen den Rogen abzustreifen. Die körnige Eiersuppe verrührt der Fischzüchter mit Spermien und füllt die Gallerte in Brutflaschen. Auf Fünfmarkstückgröße hochgepäppelt, werden die Tiere in die Steinbutt-Mastfarmen nach Spanien, Portugal und Frankreich verkauft.

Auch die Firma Saxenstör bei Leipzig beweist maritimen Wagemut. Als ehemaliges VEB-Kombinat zog der Betrieb Forellen und Karpfen. Nun schwimmt in den 170 Teichen des Betriebes eine zahnlose, 200 Millionen Jahre alte Knochenfischart: der Stör. Als Farmfisch mit hohem Innovationswert wird das "delikate Fossil" vermarktet.

Die beiden Projekte sind typisch für die Entwicklung auf dem Aquamarkt. Unentwegt greifen Meereskundler in den Artenpool des Ozeans, um neue Kiemenatmer in die kontrollierte Massentierhaltung einzuspannen: 
Die Iren sind dabei, den kaltwasserliebenden
Wandersaibling ("arctic charr") in die kommerzielle
Zucht aufzunehmen;
mit EU-Steuergeldern entstehen in Spanien, Portugal und
Griechenland riesige Käfigfarmen für Meerbarben und
Wolfsbarsche;
die Türkei, mit 8333 Kilometern Küstenlinie,
experimentiert mit Buntbarschen und Venusmuscheln.

Auch die norwegischen Lachsfarmer (Jahresproduktion 1993: 150 000 Tonnen) schaffen sich ein zweites Standbein. Ihr neuer Favorit ist der gullydeckelgroße Heilbutt.

Dorsche, massige Bonitos, glitschige Seeohren - immer schrilleres Seafood wird aus High-Tech-Mastbetrieben geerntet. Die Weltproduktion von Seeschnecken stieg seit Mitte der achtziger Jahre um 500 Prozent. Selbst Schwämme, Tintenfische und glubberige Kraken sind seit kurzem in den FAO-Statistiken als Kulturspezies aufgeführt.

Fasziniert sind die Wasserwirte vom Stoffwechsel der Fische. Als Kaltblüter verbrauchen sie keine Energie für die Aufrechterhaltung der Körpertemperatur. Ein Kilo Futter bringt bei der Forelle ein Kilo Gewichtszunahme. Schweine, zum Vergleich, müssen dafür drei Kilo fressen.

Doch die Domestikationsprogramme sind aufwendig. Die Vermehrungszyklen der Fische müssen erforscht werden. Wann ejakuliert ein Plattfisch? Warum laichen Aale ausschließlich in der Sargassosee und sperren sich gegen die künstliche Befruchtung im Labor?

Vor allem die Meeresfische bereiten den Brutexperten Kopfzerbrechen. Verschwenderisch stoßen sie Myriaden von winzigen Eiern ab - aber welche Aufzuchtbedingungen sind nötig, damit die Jungtiere überleben? Fischzüchter Quantz muß seine wenige Millimeter kleinen Steinbuttlarven mit lebenden Minikrebsen füttern. Aale akzeptieren als Babynahrung nur Dorschrogen.

Um die Mast zu beschleunigen, mixen Futterhersteller immer raffiniertere Kraftnahrung zusammen. Maiskleber, Blut- und Knochenmehle werden zu Trockenpellets verrührt, dazu kommen Getreidespelzen, Seetieröle und synthetische Vitamine.

Nicht immer ist das Ergebnis appetitanregend. Mit Kunstpampe großgezogene Hummer werden beim Kochen nicht knallrot, sondern braun. In Gefangenschaft gehaltenem Steinbutt fehlen die typischen steinartigen Warzen. Etwa fünf Prozent der Tiere bleiben zudem schneeweiß. Sie müssen aussortiert werden.

Dennoch: Das Grätengewerbe boomt. Bei erstklassiger Zubereitung, sagen sogar Zwei-Sterne-Köche wie der Hamburger Heinz Wehmann (Landhaus Scherrer), sei "gute Zuchtware von Wildtieren nicht zu unterscheiden". Bei zu hohem Fettanteil im Kraftfutter allerdings wird das Fischfleisch ölig-tranig und verliert an Geschmack; bei Bewegungsmangel wird Lachsfleisch wabbelig.

In Südostasien hat die Fischmast längst industrielle Maßstäbe erreicht. Über sechs Millionen Tonnen Karpfenfische wurden 1991 - überwiegend in China - wie submarine Rinderherden gehalten und geschlachtet.

20 000 Quadratkilometer Shrimpsfarmen überziehen mittlerweile die Küstenregionen der Welt. Zu den klassischen Lieferländern China, Thailand, Taiwan und Indonesien haben sich Neulinge wie Vietnam, Bangladesch und Indien gesellt. Im Schnelltempo verwandeln diese Länder Mangroven, morastiges Schwemmland, in Freßtümpel für Riesentigergarnelen.

Die Massenzucht der Krabbeltiere zeigt zugleich die Grenzen der Aquakultur. In Ecuador liegt die Shrimpsproduktion bei 100 Tonnen pro Kilometer Seeufer. Die zusammengepferchten Tiere kacken ihre Teiche mit nitrat- und phosphathaltigen Fäkalien zu. Stinkende und überdüngte Küstenregionen sind die Folge.

Der Garnelengigant China meldete letztes Jahr einen Öko-Kollaps. Rund 100 000 Tonnen Farm-Shrimps wurden durch giftige Einzeller getötet, die sich im Kloakenwasser explosionsartig vermehrt hatten.

Auch die rund 700 norwegischen Lachszüchter klagen über Algenblüten und Dreckbrühe. Die Mastbatterien, zumeist am Ausgang der Fjorde plaziert, haben zuwenig Wasseraustausch, um die anfallende Kotsuppe wegzuspülen. Nach Berechnung des Kieler Fischereibiologen Harald Rosenthal müssen 30 Prozent der Ringkäfiganlagen demnächst ihren Standort wechseln.

Solchen Umweltbelastungen begegnen die Aquabauern mit Power und technischem Einsatz. Ihr Ziel: weg von der Küste, raus aufs Meer. Norwegische Ingenieure entwickelten hochseetaugliche Mastkäfige, die im Meeresboden verankert werden (siehe Grafik Seite 192).

Deutsche Techniker setzten auf Kreislaufanlagen. Mit Kaskaden von Bio- und Sandfiltern wird das ablaufende Schmutzwasser im Schnellverfahren gereinigt und wieder in die Anlage eingespeist. Das ingeniöse System führte, anfangs noch nicht ausgereift, in den achtziger Jahren massenhaft zu Selbstvergiftungen der Farmfische.

Mittlerweile ist die Technik verbessert. Die RWE-Anlage Limnotherm nutzt Abwärme aus dem Kraftwerk Niederaußem bei Köln und züchtet in ihren aufgeheizten Bassins Karpfen, Störe und tropische Zierfische.

Peter Bahrs in Helvesiek bei Hamburg hat sich auf Aale spezialisiert. 600 000 Aale wimmeln in den werkseigenen Stahlbottichen. Durchdringender Fischgeruch liegt in der Luft. Zu Tausenden hängen die Jungtiere ineinander verknäult in Gitternetzen. "Die sind sehr gesellig", erklärt Bahrs.

Nur drei Personen werkeln in der weiträumigen Industriehalle. Die Fütterung läuft automatisch. Wenn die Aale ihren Kopf gegen eine kleine Stange stupsen, plumpsen Freßpellets ins Bassin. Alle vier Wochen werden die Tiere durch Sortiermaschinen gejagt und neu auf die Becken verteilt.

Auch der Stör wäre ohne künstliche Geburtshilfe wohl längst ausgestorben. 26 russische Brutstationen am Kaspischen Meer setzten jedes Jahr Millionen von Fingerlingen aus. Manche Störarten werden nach 17 Jahren geschlechtsreif. Erst dann tragen sie die begehrten schwarzen Rogen im Bauch.

Neuerdings wird das russisch-iranische Kaviarkartell aus Fernost bedroht. Unter enormen Anstrengungen ist japanischen Grätenkünstlern die Produktion von Farm-Kaviar gelungen. Die Eier stammen von Stören, die zehn Jahre in Wassergehäusen gehalten werden.

Doch mit dem fulminanten Einstieg in die marine Massentierhaltung blühen auch die Seuchen. In norwegischen Lachsfarmen gingen, wie das Fachblatt Fish Farming International schätzt, "Hunderte von Millionen Tonnen Fisch" durch Krankheiten verloren.

Die Zahl der auftretenden Fischgebresten ist Legion. Veterinäre klagen über einen weitverzweigten Parasitentourismus: 
Der Erreger der Rotmaulkrankheit - Schrecken aller
Forellenfarmen - wurde in den siebziger Jahren von
infizierten Goldfischen aus Singapur nach Irland
verschleppt;
der Schwimmblasen-Wurm reiste als Frachtgut mit einem
asiatischen Schiff Richtung Abendland. Seitdem nervt
der bösartige Schmarotzer die europäischen Aalfarmer.

Ständig muß der Katalog der registrierten Fischleiden erweitert werden. In Taiwan grassierte letztes Jahr "Shrimps-Aids", Erreger unbekannt. Gleichzeitig meldeten Ostsee-Farmer das Auftreten der geheimnisvollen Lachsseuche M 74.

Auch mit der Nahrung werden Gebresten in die Bassins geschleppt, wie Fischpathologen herausfanden. Ein Handbuch des FAO-Fischmediziners Albert Tacon zählt durch minderwertige Futterpellets ausgelöste Plagen auf. Sie reichen von "Linsentrübungen" über "Flossenerosionen" bis hin zu "Fettlebern".

Die drangvolle Enge in den Wasserkäfigen tut ein übriges. Auf hohe Besatzdichten reagiert der Fisch mit Streßsymptomen und erhöhter Krankheitsanfälligkeit. Massenhaft plumpsen deshalb Antibiotika in die Käfige.

Die Forschung ist schon wieder einen Schritt weiter. Gegen die wichtigsten Fischgeißeln stehen bereits Impfstoffe zur Verfügung. Die Norweger schützen den Salmo salar mit einer neu entwickelten Immunsubstanz gegen Furunkulose. In Thailand werden Shrimps mit Impfpräparaten gegen Vibriose, eine Bakterieninfektion, gespritzt.

Auch die submarine Seelenkunde kommt voran. Psychogramme für über 50 Fischarten liegen vor. Lachse gelten als "Haudegen, die schnell in Schwimmstreß geraten", so Meeresbiologe Rosenthal. Karpfen sind phlegmatisch veranlagt.

Der in Asien beliebte Milchfisch ist froh, wenn er Küchenabfälle zu fressen kriegt. Einige Barscharten sind Transvestiten. Bei bestimmten Außenreizen ändern sie ruckartig das Geschlecht.

Ausgerüstet mit Futter-Know-how, High-Tech-Käfigen und prall gefüllten Medikamentenkoffern, wagen sich die Züchter nun auch an besonders schwer zu haltende Arten.

Die Asiaten haben den Mahi-Mahi neu ins Programm genommen. Das schlangenförmige Tier gilt als ultimativer Gaumenschmaus. Nachteil: Mahi-Mahis sausen wie Torpedos durchs Meer. Um sie bei Laune zu halten, müssen die Aquabauern langgestreckte Rennbahnkäfige bauen.

Noch vertrackter ist die Haltung der kannibalisch veranlagten Hummer. Während der Häutungsphasen werden ungeschützte Tiere mit Vorliebe von ihren Stallgenossen verspeist. Kanadische Lobsterfarmer haben das Problem mit Schubladengestellen gelöst. In jeder der Boxen vegetiert nur ein Hummer.

Erheblich mastfreundlicher sind die rotgeschuppten Tilapien. Sie akzeptieren sauerstoffarme Wasserbrühe und fühlen sich auch bei enorm hohen Besatzdichten im Käfig wohl.

Viele Drittweltländer haben mit diesem Buntbarsch, der sich zur marinen Batteriehaltung eignet (Rosenthal: "aquatic chicken"), große Pläne. Die philippinische Firma Bio Research legte jüngst eine Genbank für Tilapien an. Israelische Forscher experimentieren in der Negev-Wüste mit Tilapien-Bassins, die aus unterirdischen Wasserblasen gespeist werden. Die Technik, glaubt Projektleiter Lev Fishelson, ließe sich auch in der Sahara anwenden.

Der Hit in Sachen Farmfisch bleibt indes der Katzenwels. In Louisiana und anderen Südstaaten der USA wird das Tier in Modderteichen gehalten. Jahresernte: rund 150 000 Tonnen. Im Sommer fallen die Tümpel trocken. Dann verkriecht sich der schnurrbärtige Genosse im Schlamm.

Seine Fähigkeit, mit Labyrinthkiemen auch Luft atmen zu können, hat den Katzenwels neuerdings in Europa beliebt gemacht. In Holland sind etwa 25 Farmen auf den Afrikanischen Wels eingestiegen. Wenn die Brühe in den Kreislaufanlagen zu dick wird, stecken die Tiere einfach den Kopf raus.

In Deutschland wird der Schmutzkriecher noch verschmäht. Doch Eßgewohnheiten lassen sich ändern. Auf der letztjährigen Fisch-Fachmesse Anguna in Köln stellte ein Hersteller in Beutel verpackte Algensorten (Wakame und Meeresbohnen) vor. Beide sollen salat- und eintopftauglich sein.

Auch der Widerstand gegen Exotenfische schwindet. Die Firma Sey aus Velbert bietet Seminare an, um Küchenchefs und Restaurantbesitzer in die Zubereitung von Seychellen-Fischen einzuweisen, darunter der farbenprächtige Papageienfisch und der rosarote, nach Hummer schmeckende Bourgeois.

Die Ozeane bieten eine unerschöpfliche Palette an eßbaren Geschöpfen. Unter der Obhut von Genetikern und Futtertechnikern dürfte das Biomaterial bald jener Logik folgen, auf die Turboschweine und Legehühner längst zugerüstet wurden.

In einem Strategieartikel für das Fachblatt Aquaculture International hat das ehemalige FAO-Mitglied E. Hempel den submarinen Umschwung, der sich gegenwärtig vollzieht, beschrieben: "Viele Jahrzehnte wurde die Aquakultur nur extensiv betrieben", nun aber setze die Branche mit "neuen Technologien" zum großen Sprung an - in die "industrielle Aquakultur".

Am Ende dieser Entwicklung, da sind sich die Experten sicher, wird der Fisch ein dröger Stallbewohner sein, ein Proteinproduzent und, 1. Mose 1, 28, dem Menschen "untertan". Y

"Lachse sind Haudegen, Karpfen phlegmatisch"

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13689364.html